Der Skandal

Eigentlich war es doch schon vorbei, das erste Königsschießen 1954: Auf 50m, Karton, 3 Schuss (ohne Probe!!!).
König: 7 Teiler!!!
Aber die Beanstandung, die ein Schützenbruder an den Vorstand richtete, war nicht vom Tisch zu wischen: Hatte doch der König, zugleich
1. Schützenmeister (heute: 1. Sportleiter) im Verein "am Himmelfahrtstag ohne Aufsicht geschossen und sein Sohn hat angezeigt!" (50m Seilzuganlagen gab es noch nicht, so dass von einem Mann in der "Deckung" die Schüsse mittels "Kelle" angezeigt und die Scheiben gewechselt wurden). "So geht es nicht!" befand der Vorstand und nach Beschau der Scheiben: "Das sind keine Einschüsse!" Auf Befragen gab der beschuldigte auch zu: "Diese Schüsse habe ich nicht abgegeben." Also, alles klar. Königswürde wird aberkannt und der Schützenbruder Müller - mit dem zweitbesten Ergebnis - zum König proklamiert, der Vormarsch entsprechend geändert.
Inzwischen - man wollte ja sicher gehen - hat der Vorstand die fraglichen Scheiben dem "Waffengeschäft Kämmerer" wie auch dem Verband zur Prüfung vorgelegt. Schützenbruder Kämmerer, seinerzeit Mitglied bei Hubertus und Verbandsvorsitzender Wüstehoff übereinstimmend: "Keine Einschüsse". Weitere Erkundigungen beim Schusswaffendezernat der Kripo: "Gestanzt".
Der Ordnung halber wurde der 1. Schießmeister noch befragt, wie es denn käme, dass diese Scheiben gestanzt werden konnten, obwohl alle Scheiben unter Verschluss gewesen seien und niemand außer dem 1. Schießmeister Zugriff gehabt habe. Man habe ihm wohl "einen Schabernack gespielt", behauptete dieser und er habe beobachtet, dass der Schützenbruder Hermann Müller "immer eine Zange in der Tasche" habe, benannte auch Zeugen, die bei der Abgabe seiner Königsschüsse zugegen gewesen wären (was diese aber verneinten).
In einen Brief, der tags darauf beim 1. Vorsitzenden einging, beklagte sich der Beschuldigte über die "seit zwei Jahren gegen ihn erhobenen Intrigen" (also schon bei "Blau - Silber") und verlangte zwecks Aufklärung eine sofortige Mitgliederversammlung, was jedoch mit dem Hinweis, dass er ja zunächst den Gegenbeweis anzutreten habe, abgelehnt wurde.
Gerüchte gehörten auch dazu: ...soll er dem 1. Vorsitzenden seine Stanzmaschine vorgeführt haben ... der Schlüssel für den Scheibenkasten soll zeitweilig in den Händen eines anderen gewesen sein ... stimmte beides nicht.
Dann ist er vom Verband vorgeladen worden (etwas, weil er gerade am 03. Juni 1954 einen "Schießwartlehrgang", so hieß das damals, mit Prüfung abgelegt hatte und spontan zum "geprüften Verbandsschießwart" ernannt worden war...?).
Verband schriftlich an Verein: Scheiben gelocht, Konsequenz Vereinssache, bitten um Mitteilung.
Nochmals saßen Vorstand und 1. Schießmeister beisammen. Da nicht alle Vorwürfe ausgeräumt werden konnten - Verbleib seiner Scheiben (wenn es denn nicht die "gestanzten" waren), Handschrift auf den denselben, Scheibennummer, Schlüssel für den Scheibenkasten usw. - wurde er bis zur endgültigen Klärung von allen Veranstaltungen des Vereins ausgeschlossen, also auch vom Schützenausmarsch, der ja kurz bevorstand. "Wenn der es fertig bring, zum Schützenausmarsch zu erscheinen, treten wir aus!" So eine breite Mehrheit. Das wäre dann bereits das Ende gewesen. Dazu kam es jedoch nicht, denn jetzt sah der 1. Vorsitzende akuten Handlungsbedarf und schloss kurzerhand den Auffälligen "per Einschreiben" nebst Sohn aus. Datiert 29. Juni 1954 (Die später folgende Mitgliederversammlung hat ihn, bei 4 Stimmenthaltung, nachträglich dazu ermächtigt). Gleichzeitig erklärte der 1. Schießmeister einschließlich seines Sohnes seinen Austritt, ebenfalls datiert
29. Juni 1954. "Das ist der wahre Sachverhalt..." heißt es im Protokoll weiter.
Es war also richtig Leben im jungen Verein, denn lange danach nahmen die Debatten noch kein Ende. Sehr belustigt ist man heute, wenn man das anhand von Vorstands- und Versammlungs- Protokollen Recherchiert so liest..., aber, mal ehrlich: ist das nicht Vereinsleben? Und könnte das nicht so oder ähnlich heute noch passieren... oder ist es gar Gegenwart?